iPad & Co. – man könnte darauf lesen

iPad & Co. werden als Geräte angepriesen (und mitunter gekauft), auf denen man vor allem auch liest – sei dies Zeitungen, Bücher oder Internetseiten.
Das ist an und für sich vernünftig. Hintergrundinformationen findet man nach wie vor hauptsächlich in Fachzeitschriften, Qualitätszeitungen und Büchern. Auch ist die Auflösung dieser Geräte mittlerweile so gut, dass das Argument nicht mehr zieht, Bildschirmmedien hätten gegenüber der Printmedien eine weit schlechtere Auflösung.

Meine Beobachtungen zeigen aber ein anderes Bild, als das oben genannte Verkaufsargument vorgibt. Wenn eine sicher 50-jährige Frau auf dem Gerät während eines Referats mindestens mit einem Finger, Auge und Ohr im Videospiel Sims3 virtuell Gäste in einem Restaurant bei Laune hält, so stimmt mich das nachdenklich. Umso mehr, wenn es sich dabei um eine 180 Franken teure Fachtagung zum Thema Staat und Demokratie handelt, an der sie später auch mitdiskutiert. Das ist zwar ein Extrembeispiel, aber kein Einzelfall. Egal, ob im Flugzeug, Zug oder auf der Treppe zum Perron: Auf den Bildschirmen läuft meist entweder ein Film, ein Videospiel oder eine Internetseite. Wenn dann doch eine Zeitung auf dem Bildschirm zu sehen ist, so werden die Artikel nicht nicht zu Ende gelesen, sondern vielfach höchstens überflogen oder bis zur Mitte gelesen.

Auch Bildschirmmedien machen aus Lesemuffeln keine Leseratten. Wenn, dann ist eher das Gegenteil der Fall. Man wendet seine Zeit Spielereien zu, die einem dann für Sinnvolleres fehlt. Was daraus folgt sind eine Atomisierung des Aufmerksamkeitsbudgets sowie ein Ungleichgewicht zu Gunsten von Unterhaltung und zu Lasten von Information.

Der emeritierte Professor für Medienpädagogik am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, Prof. Dr. Christian Doelker, sieht in der Flut der Möglichkeiten an Ablenkung gar einen evolutionären Rückschritt. So schreibt er in seinem Essay Der Meidenkonsument und das Mehr:

Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset, vor allem bekannt durch die 1931 erschienene Publikation „Der Aufstand der Massen“, beschreibt in einem etwas später erschienenen Essay Beobachtungen vor einem Affengehege. Ihm fällt auf, dass diese behenden Geschöpfe „beständig aufmerksam und in dauernder Unruhe sind, dass sie alles beobachten und auf alles hören, was in ihrer Nähe vorgeht, dass sie unermüdlich auf ihre Umgebung aufpassen.“

Man kann nicht umhin, eine Verbindungslinie zu einem typischen zeitgemässen Mediennutzungsverhalten herzustellen. Medienterminologisch liesse sich nämlich sagen: die von Ortega beschriebenen Affen sind ständig „auf Empfang“.

| 28th November, 2010 | Veröffentlicht unter Medienkritik, Mediennutzung, Neue Medien |

2 Antworten to “iPad & Co. – man könnte darauf lesen”

  1. Kati sagt:

    Information ist eben eine Einstellung. Wer sich grundsätzlich informieren will, wird auch neue Geräte dazu nutzen. Wer eher der Unterhaltung zugetan ist, unterhält sich eben gerne mit ipad, smartphone und co. Insofern stimme ich dem zu, dass ein neues Gerät aus einem Lesemuffel keine Leseratte macht. Bleibt die Frage offen, wie wird denn aus einem Muffel eine Ratte?

  2. this sagt:

    Worauf ich im Text anspiele, das ist die Kluft zwischen dem angedachten und dem tatsächlichen Nutzungsverhalten bei solchen Geräten. Information und Unterhaltung sind beides legitime Bedürfnisse. Der homo ludens (der spielende Mensch) ist mindestens so alt wie der homo sapiens.

    Menschen sind aber auch soziale Wesen. Sie haben nicht nur ein Bedürfnis nach Information, sondern auch ein Bedürfnis nach Kommunikation. Diese technischen “Spielzeuge” behindern aber nicht selten die qualitativ hochstehendste Form der Kommunikation, die face-to-face Kommunikation. Es geht also um sowas wie die sozialen Opportunitätskosten.

    Wie aus einem Muffel eine Ratte wird? Bestimmt nicht, indem man den Lebensraum des Muffels mit digitalen Medien überflutet. Ratten aber können schwimmen und sind auch sonst ganz lernfreudige Tierchen …

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